22.8 C
Emsdetten
Dienstag, Juli 28, 2026
Start Allgemein „Rathaus architektonischer Glücksfall für Emsdetten!“ – Teil 2/3

„Rathaus architektonischer Glücksfall für Emsdetten!“ – Teil 2/3

0
14
Rathaus mit "Glückwunschkarte" zum Stadtjubiläum 2013 (Foto: Manfred Schwegmann)

Vortrag von Helmuth Schäckel, Leiter des Fachdienstes 63, Gebäudemanagement und Bauaufsicht, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „50 Jahre Rathaus Emsdetten“. – Die Ausstellung kann noch bis zum 06. August 2026 im 1. OG des Rathauses besucht werden.

Schäckel: „Schauen wir uns den Wettbewerbsbeitrag von Prof. Ostertag an, stellen wir fest, dass ursprünglich die Fassade anders geplant war: nämlich schwerfälliger und kompakter. Horizontale, vorspringende Brüstungselemente aus massigem Beton sollten sich mit zurückliegenden Fensterbändern abwechseln. Das hätte der Fassade eine sehr ausgeprägt waagerechte Linierung gegeben und damit einen gänzlich anderen Charakter erzeugt, schwerfälliger und behäbiger.

Im ursprünglichen Entwurf waren statt der Alu-Fassade und dem „ewigen Baugerüst“ noch Betonelemente vorgesehen. (Grafik: Archiv Stadt Emsdetten)

Was war passiert?

Im Laufe des Planungsprozesses schlug Prof. Ostertag, der bereits beim Wettbewerb um das Grevener Rathaus einen 2. Platz im dortigen Realisierungswettbewerb gewonnen hatte, eine Änderung der Fassade vor. Diese könne besser mit modernen Materialien gestaltet werden, nämlich als Vorhangfassade aus beschichtetem Aluminium – und Glaselementen mit einem davor installierten Außengang. Die Vorteile wären:

  • eine höhere Sicherheit der Nutzer, da ein wichtiger 2. Fluchtweg neben dem ersten baulichen Rettungsweg – ich meine das geschlossene Flucht-Treppenhaus an der Marktplatzseite – geschaffen würde;
  • der äußere Gang könne zugleich für Wartungs- und Reinigungszwecke an der Fassade genutzt werden;
  • der Sonnenschutz könne direkt integriert und gut gewartet werden;
  • eine Fassade aus Blechen und Fensterelementen wirke insgesamt moderner. Man könne sich damit auch deutlich von der Gestaltung des Grevener Rathauses absetzen und unterscheiden.

Diesen Argumenten – letztlich vielleicht auch der interessante Gedanke des Sichabsetzens von der Nachbarstadt – und dem damit verbundene Appell an ihr sicherlich nicht nur im Untergrund schwelendes Ehr- und Selbstwertgefühl konnten sich die Stadtväter nicht entziehen – die Entscheidung fiel zugunsten der leichten Vorhangfassade aus. Für mich als Architekt – und so werden die damaligen Stadtväter- und Mütter wohl ebenfalls empfunden haben – ist diese Entscheidung für das gesamte moderne und aufgeschlossene Erscheinungsbild des Gebäudes von größter Wichtigkeit. Sie gibt dem Haus genau den beabsichtigten zukunftsweisenden Charakter.

Das Eingangsfoyer ist über drei differenzierte Zugänge von allen Stadtseiten aus betretbar. Der Höhenunterschied zum auf dem Parkdeck erhöht liegenden Marktplatz ist geschickt gelöst. Gedacht ist die Eingangsebene als transparente, mit den umgebenden Außenräumen verbundene Ebene, die offen und einladend wirkt.

Eine ursprüngliche Idee war wohl auch, hier allgemeine Dienstleistungen oder Ausstellungen zu beherbergen, die den öffentlichen Charakter dieser Zone unterstreichen sollte. Die Blickbeziehungen und die Durchlässigkeit zu drei Seiten des Stadtgefüges belegt dies eindrücklich.

Das 1. OG in der ursprünglichen Planung: Hier war das BM-Büro noch zur Frauenstraße hin ausgerichtet vorgesehen. Tatsächlich wurde an der Stelle später das Trauszimmer eingerichtet und der BM erhielt sein Domizil mit Blick auf den Marktplatz. (Grafik: Archiv Stadt Emsdetten)

Der Ratssaal als Zentrum der demokratischen Prozesse ist eine Ausstülpung des doch sehr strengen Kubus des Rathauses. Er ist an seiner nordwestlichen Ecke angeordnet. Etwas irritiert hat mich zunächst der geschlossene Charakter des Raumes. Er schwebt zwar über dem Boden, sprich dem Eingangsgeschoss, bietet jedoch keine Möglichkeit nach außen zu schauen. Er ist geschlossen und nach innen gerichtet. Es fällt über hochliegende Oberlichter zwar Licht ein, ein Sichtkontakt nach Außen oder eine Einsicht von außen nach innen sind jedoch konsequent vermieden worden. Das Preisgericht hat damals die gute Lage und Dimensionierung des Ratssaales gelobt. Das ist sicherlich richtig so: er ist stimmig in die Grundrissstruktur eingebettet. Diese Abgeschlossenheit eines für die gelebte Demokratie essenziellen Raumes beeindruckt allerdings schon. Es ist der einzige Raum, der damals mit Lüftungsanlage – keiner Klimaanlage! – ausgestattet wurde bzw. werden musste; auf weitere Anlagen für das Haus hat man aus Kostengründen verzichtet.

(Foto: Archiv Stadt Emsdetten)

Materialien

Unser gebautes Geburtstagskind besteht dem Grund nach nur aus vier Materialien: Beton als Tragkonstruktion, Holz für die Trenn- und Zwischenwände, Glas für deren Oberlichter und die Fassade, Teppich für den Bodenbelag. Allein für die Außenhaut ist neben Glas das Aluminium das fünfte Element der Komposition. Das ist beeindruckend einfach und gleichzeitig in der Zusammenstellung sehr aussagekräftig. Dabei sind die Details einfach und fachgerecht ausgebildet. Sie zeugen von einem bewussten Umgang mit den vorgegebenen Materialien.

Das primäre Tragsystem ist eine Skelettkonstruktion aus Beton, die in großen Teilen auf einem Raster von ca. 1,30 x 1,07 m aufbaut. Statisch ausgesteift wird sie über den Versorgungskern, in dem Aufzüge, WC-Anlagen, Technik und die Teeküchen untergebracht sind; dieser Kern erscheint quasi als Monolith mit geschlossenen, großflächigen Betonwänden über alle Geschosse. Als Schalung wurden einfache, raue, schmale Schalbretter verwendet. Sie strukturieren die zusammenhängenden Flächen der Wände und lassen eine außerordentlich schön gemusterte Fläche entstehen, die nie langweilig wird. Damals war eine solche Schalung aufgrund der Lohngestaltung nicht so aufwendig, sie stellt eher eine günstige Variante dar. Eine solche Schalung heute in der vorzufindenden Präzision herzustellen, ist nach unseren jetzigen Maßstäben ungleich aufwändiger, wenn sie noch Personen finden, die das handwerklich bewerkstelligen können.

Die Präzision der Schalung ist schon bemerkenswert. Die Kanten der Stützen und Wände sind präzise, der Betonier- und Verdichtungsvorgang ist gut gelungen, Lunker sind nur wenige zu erkennen. Deutlich erkennbar sind die interessanten Unterschiede der unbehandelten schmalen Schalbretter, die mit ihrer Oberfläche den Erstellungsvorgang auf immer und ewig in der Betonstruktur quasi einbetoniert haben. Richtig eindrucksvoll wird dies, wenn Streiflicht auf den Beton trifft und die kleinen, feinen Erhebungen und Riffellungen der abgebildeten Schalbretter ihre winzigen Schatten werfen und ein besonderes Flächenbild abgeben.“

Der dritte Teil folgt am Mittwoch, 29.07.2026, zum ersten Teil geht es H I E R

Kommentieren Sie den Artikel

Die Kommentare werden erst nach Prüfung freigeschaltet. Kommentare ohne Hinweis auf den Verfasser (vollständiger Klarname) oder gar mit vorsätzlich falscher E-Mail-Adresse werden nicht veröffentlicht! Wir bitten Sie, bei Ihren Kommentaren sachlich zu bleiben und sich einer angemessenen Formulierung zu bedienen.

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Danke für Ihre Nachricht. Wir werden diese schnellst möglich bearbeiten.