22.8 C
Emsdetten
Montag, Juli 27, 2026
Start Allgemein „Rathaus architektonischer Glücksfall für Emsdetten!“ – Teil 1/3

„Rathaus architektonischer Glücksfall für Emsdetten!“ – Teil 1/3

0
262
Rathaus mit "Glückwunschkarte" zum Stadtjubiläum 2013 (Foto: Manfred Schwegmann)

Vortrag von Helmuth Schäckel, Leiter des Fachdienstes 63, Gebäudemanagement und Bauaufsicht, anläßlich der Eröffnung der Ausstellung „50 Jahre Rathaus Emsdetten“. – Die Ausstellung kann noch bis zum 06. August 2026 im 1. OG des Rathauses besucht werden.

Schäckel: „Der 13. Februar 1976 war ein Freitag. Die Stadtoberen waren in keiner Weise abergläubisch, als sie an diesem Tag mit weiteren geladenen Gästen den Rathausneubau einweihten.

Bis dahin gab es 38 Jahre Zeit für Überlegungen, Ideen und sogar für Entwürfe, wie ein zukünftiges Rathaus für die aufstrebende Stadt aussehen könnte. Erste Gehversuche gab es noch während des 2. Weltkrieges. Man lobte im Jahre 1943 einen Wettbewerb um einen Neubau des Amtshauses aus.

Der 1. Preisträger war ein Architekt Ostermann aus Münster. Der Entwurf entsprach dem damaligen Denken der Obrigkeit:

(Grafik: Archiv Stadt Emsdetten)
  • etwas mondän,
  • an das Bekannte anknüpfend,
  • mit einem repräsentativen Treppenaufgang,
  • und einem kleinen, aber erkennbaren Portal,
  • einem Ratssaal, wohl – wie üblich – im 1. OG,
  • eine eher beschauliche und damals übliche Architektursprache, die sich an das Hergebrachte hielt.

Gut, dass dieser Entwurf, der – aus damaliger Sicht wohl nicht zu Unrecht – preisgekrönt wurde, nicht zur Ausführung kam. Er wäre ohnehin schnell zu klein gewesen.

Emsdetten wartete noch etwas. Die Wirren der Nachkriegszeit ließen zwar Gedanken an ein neues Rathaus zu, an eine genauere Planung und gar Realisierung war jedoch erst mit Übergang der 60er in die 70er Jahre zu denken. Altes und Bewährtes war nicht mehr unbedingt gewollt, Modernität war angesagt. Einiges an altem und auch überaltertem Baubestand musste weichen – Straßenzüge wurden neu erfunden, unter anderem das Auto gab vehement die Ziele der Stadtplanung vor. In der Innenstadt noch präsente Fabrikflächen wurden zugunsten von innerstädtischem Gewerbe, Wohnen und Verkehr neu geordnet. Der Neubau eines Rathauses war wesentlicher Teil dieser Entwicklung. Es war die Zeit der Stadtkernsanierung. Sie ging mit einer großen Aufbruchstimmung in Politik und Bevölkerung einher, obwohl erste wirtschaftliche Dämpfer zu verzeichnen waren. Die Ölkrise 1973/74 verschlechterte zudem die Stimmung in der Wirtschaft erheblich. Das war die Zeit der Errichtung des Rathauses.

Das ehemalige Rathaus kurz vor dem Abriss 1975. – im Hintergrund bereits der Neubau. Noch heute sind vor dem Rathaus an der Frauenstraße mit Metallwinkeln die Grundrisse des ehemaligen Gebäudes markiert. (Foto. Archiv Stadt Emsdetten)

Anfang der 70er Jahre war nach Durchführung eines Architektenwettbewerbes der Auftrag an Prof. Ostertag zur Weiterplanung erteilt. Bei den weiteren Überlegungen bis zum Baubeginn am 25. Juli 1973 gab es Anpassungen unterschiedlicher Art. Ausgelegt wurde das Rathaus lt. Aussage des damaligen Stadtdirektors Theodor Ammermann für 40.000 Einwohner. Das Raumkonzept war für 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konzipiert. Entstanden ist letztlich – ich darf diese Wertung vorwegnehmen – ein noch heute äußerst bemerkenswertes Gebäude, das trotz seiner Weitläufigkeit und Größe eine sehr gute Orientierbarkeit und Aufgeräumtheit aufweist. Es ist in seiner materiellen Ausformulierung mit nur wenigen Materialien vermeintlich einfach gehalten. Die Art und Weise des Einsatzes der Materialien ist allerdings sehr durchdacht und in sich äußerst konsequent erfolgt. Das Gebäude setzte damals einen nicht zu übersehenden, starken und mutigen Akzent in der sich in Teilen neu erfindenden Innenstadt und zeugte von einem ausgeprägten Selbstbewusstsein der auf mittlerweile 30.000 Einwohner gewachsenen Bürgerschaft. Gefragt war nicht das Althergebrachte, gewollt war das Neue, Moderne. Es passte in die damalige Zeit und in die Aufbruchstimmung hinein – Es ist ein Zeugnis seiner Zeit. Ein Zeugnis, das auch im Nachhinein nicht überall Anklang fand. Noch heute unken Unverbesserliche, wann denn endlich das Gerüst entfernt würde.

Das Gebäude

Die Erschließung über das offene und mittig gelegene Treppenhaus ist denkbar einfach und effektvoll. Es atmet Weite und Offenheit; ein Eingesperrtsein in enge Flure, an denen sich ein Büro an das andere reiht, gibt es nicht. Die Büros gruppieren sich an den natürlich belichteten Außenseiten des quaderförmigen Gebäudes, offen um die Haupttreppe herum. Sie sind für den Bürger direkt erkennbar und erreichbar. Betont wird diese offene Szenerie durch das über der Haupttreppe liegende großflächige Glasdach. Es bringt Licht ins Dunkel der Mitte – zumindest in den oberen Etagen. Nach unten hin nimmt der Lichteinfall naturgemäß ab. Zugleich werden die Flächen dort aber auch lichter. Bestimmte Nutzungsflächen waren mit größeren Vorzonen ausgestattet, die unter anderem ein Warten ermöglichten und repräsentativen Charakter ausstrahlten. Diese bis zu den Außenwänden freien Zonen, die Licht hineintrugen, sind eliminiert worden. Sie wurden für Büros und Besprechungsräume – wenn man so will – bürokratisiert. Damit sind die ehemals vorhandenen, sehr schönen Bezüge des Gebäudes in seine Außenwelt hinein, das Hinausblicken aus der Mitte des Gebäudes heraus unterbunden worden.

Der demokratische Pol ist in der Belle Etage des 1. OG platziert. Dort befindet sich die Verwaltungsspitze mit direkter Anbindung an die großzügige Vorzone zum Ratssaal. Im ersten Entwurf war die Verwaltungsspitze noch in der Bürozone zur Frauenstraße hin angeordnet, also genau auf der anderen Gebäudeseite. Auch hier gab es eine entsprechende Vorzone zum Verweilen mit Ausblick gen Frauenstraße und Pankratiuskirche.

Der Gebäudekubus ist aufgrund der vorgehängten Fassadenfläche offen und leicht gestaltet. Die in allen Etagen angeordneten äußeren Laufstege tragen zu dieser Leichtigkeit bei. Es gibt damit keine einheitliche, in einer definierten, festliegenden Fassadenfront gelegene Außenwand; sie ist vielmehr mehrschichtig ausgelegt. Die vorgeblendeten Sonnensegel mit ihrem sonnengelben Ton steuern das ihrige dazu bei, dass die Außenhaut leicht und licht daherkommt und sie dem ursprünglich massigen Gebäude eine unerwartete Leichtigkeit verleiht.“

Der zweite Teil folgt am Dienstag, 28.07.2026!

 

Kommentieren Sie den Artikel

Die Kommentare werden erst nach Prüfung freigeschaltet. Kommentare ohne Hinweis auf den Verfasser (vollständiger Klarname) oder gar mit vorsätzlich falscher E-Mail-Adresse werden nicht veröffentlicht! Wir bitten Sie, bei Ihren Kommentaren sachlich zu bleiben und sich einer angemessenen Formulierung zu bedienen.

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Danke für Ihre Nachricht. Wir werden diese schnellst möglich bearbeiten.