Fortsetzungsroman „Schützenfest“ 7/14

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Spannung unter der Vogelstange

„Well häff sick denn Schwachsinn denn uutdacht??“ Vor Jahren, als noch Jutesäcke als Kugelfang dienten, war der Vogel im strittigen Fall zwar von der Stange geschossen, aber im Jutesack hängen geblieben, – schon war die Diskussion im Gange, – ‚König oder nicht?‘ Seit dem hat man diesen Paragraphen mit in die Statuten aufgenommen. Da aber längst keine Jutesäcke mehr als Kugelfang genutzt werden, wäre dieser Passus inzwischen eher hinfällig. Die Kinder zucken bei jedem Schuss zusammen, jubeln aber dann, wenn Flügel, Schwanz oder Kopf getroffen werden und auf das Pflaster schmettern. Die Männer vom Vorstand haben alle Hände voll zu tun um die Kleinen davon abzuhalten, auf ‚Trophäenjagd‘ zu gehen. Vom einstigen stolzen Aar ist mittlerweile nur noch der Korpus übrig, auf diesen wird jetzt rücksichtslos eingedroschen. Fünf Mitglieder haben sich herauskristallisiert, einer nach dem anderen, äußerlich gefasst, innerlich nun doch etwas nervös, gehen sie unter die Stange, warten die Anweisung des Mannes ab, der nachlädt. Lauf oben oder unten und somit der vordere oder hintere Abzug. Der ‚Vogel‘ hat sich schon einige Male gedreht, sieht mächtig rasiert aus, sitzt derart locker, dass er auf der Stange bei jedem Schuss hoch und runter rutscht, tänzelt, als wolle er dem auf ihn abgegebenen Kugelhagel ausweichen. Der Schütze legt an, Konzentration, im ganzen Rund ist es still, nur das ‚unanständige‘ Wort mit Sch… eines Kindes, dessen Eis in den Sand gefallen ist, ist zu hören. Mehrere Hundert Augenpaare schauen gebannt auf den Schützen und wieder zum Kugelfang. Ihm selber gehen jetzt die unmöglichsten Gedanken durch den Kopf. Seine Mitbewerber bezweifeln, dass ihnen noch eine Chance bleibt. Kimme und Korn stimmen überein, sind genau auf den Vogel fixiert, jetzt müsste der Schuss kommen, seine Hände sind feucht, er glaubt, nicht richtig zu stehen, legt noch einmal neu an. Wieder Konzentration, wieder Kimme und Korn, es passt, das muss es sein.

Klick, – ein leises Klick, – Klick statt Peng. Er hat am falschen Abzug gezogen. Ein Durchatmen geht durch die Bänke und gleich darauf baut sich erneut eine Spannung auf, wie sie schon einige Sekunden vorher herrschte. Dieses mal hat er den Finger am richtigen Abzug, eine Lerche trällert vergnügt ihr Lied, er zieht den Finger bis zum Druckpunkt, ….schießt…. trifft…. das letzte Stück Holz prescht gegen die Rückwand, spaltet sich….

Jaaa,…. Oooohhh….“ zunächst ein Ansatz von Jubel, dann ein Raunen geht durch die Reihen. Die Freundin des Schützen hatte sich die Augen zu gehalten, scheint jetzt erleichtert zu sein. Der schon sicher geglaubte König dreht sich und verlässt den Schießstand als wolle er sagen ‚tja – da kann man wohl nichts machen…‘ tatsächlich aber ist er den Tränen nahe. Er wünscht seinem Konkurrenten, der jetzt den Schießstand betritt, viel Glück.

Det is ja spannender als ne Verfoljungsjagd auf n Ku’Damm.

Det kannste doch nu wahrlich nich verjleichen.

Ob ick da ok mal n Schuss machen dürfte?

Jetze, wo et um’t letzte jeht, – dir is die Sonne wohl nich juut bekommen.

Müsste mir halt nur noch ne Könijin suchen, wa…

Du Rainer, sach ma, war det wirklich Wasser wat du da eben jetrunken has?

Plötzlich ein lauter Knall, Jubelschreie, die Kinder rennen zur Stange um sich Teile des zerzausten Adlers zu sichern, die die nächsten zwei Wochen stolz präsentiert werden, danach dann vermutlich in der Mülltonne oder im Herdfeuer landen. Der neue König kann es kaum fassen, schlägt die Hände über den Kopf zusammen, ist überglücklich. Der Pechvogel vom Schuss zuvor ist erster Gratulant, von allen Seiten kommen sie herbei, der Major lässt den neuen König hochleben, den jetzt alten König, die Jubelkönige. Man kann förmlich spüren, wie dieser Schuss die Spannung aus der Luft genommen hat. Die Kapelle spielt „Hoch soll er leben“, ein junges Mädchen wird von ihren Freundinnen belagert, vermutlich die künftige Königin.

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