Fortsetzungsroman „Schützenfest“ 12/14

0
187

Von Helden und Pechvögeln

Mit einem Lächeln auf den Lippen auf Grund des aufgeklärten Missverständnisses kommen fünf Beamte hinter dem Haus hervor, geben Zeichen, dass die Rettungssanitäter zusammen räumen und abziehen können, geben Meldung an die Zentrale, dass die ursprünglich angeforderte Verstärkung auch nicht mehr benötigt wird.

„Ich habe das Fluchtauto voll im Griff!“, und als Adjudant und Nebenreiter nun endlich die Fahne abnehmen, deswegen waren sie ja schließlich hier:

„Ey guck mal, – die klauen vor unseren Augen!!! Also dreister geht’s ja wohl nicht…“ Wieder zuckt er ganz in heldenhafter Pose, sicher, dass er jetzt aber wirklich den ganz großen Coup landen wird, seine Dienstwaffe und deutet den Fahnedieben aufzugeben. Die Passanten schrecken bei jeder seiner Handbewegungen zusammen.

Es beginnt plötzlich zu regnen und unter Polizeischutz wird die Fahne zum Haus des neuen Jungmännerkönigs der Hollinger Schützengesellschaft gebracht.

Er sah die Schlagzeilen schon vor sich: „Rentner griff geistesgenwärtig zur Waffe und vereitelte somit Geiseldrama.“ Doch dann wurde Rainer jäh aus seinen Träumen gerissen.

Wat hab ick da für nen Müll jeträumt? – Soviel hab ick doch jarnich jetrunken…“ Rainer überlegt, wer die Personen in seinem „Schauspiel“ gewesen sein könnten.

Ach Mensch Rainer, jetzt haste die Ehrentänze verpennt.“ War er der vermeintliche Held, der geistesgegenwärtig zur Waffe gegriffen hatte? – Bis zu seinem Rentenalter ist es noch weit hin. Oder war er doch nur der übermotivierte Verkehrspolizist, der das Fluchtauto vor Ort voll im Griff hatte. – Fragen über Fragen, die vielleicht im zweiten Teil seines Traumes beantwortet werden würden. Er lehnte sich genüsslich auf seinem Stuhl zurück, der Kopf fiel ihm zur Seite und er erneut in die faszinierende Traumwelt.

Nix da, – jetze wird jetanzt!“ Marianne fackelt nicht lange und zerrt ihren Gatten auf die Tanzfläche. Cha Cha Cha, Wechselschritt… Rainer hinterließ Eindruck ob seiner tänzerischen Fähigkeiten. Die Blicke der umstehenden Damen gehen im Wechsel von dem den Saal derzeit beherrschenden Berliner Tanzpaar und dann wieder zum eigenen Göttergatten – mehrheitlich Tanzmuffel, wie sie im Buche stehen.

Hoffentlich sieht meine Frau das nicht, – wenn sie kommt, ich bin mal eben für kleine Königstiger.“ Wieder schallendes Gelächter, die Stimmung wird gelöster, man ist so richtig in Partylaune.

Zwischendurch kommen immer wieder Gäste die dem frisch gekürten Paar gratulieren wollen. Arbeitskollegen, Kegelclub, Nachbarn….

Hätte ich gewusst, dass der ‚finale Schuss‘ so stressig sein kann…..

…Du hättest es wieder getan!“ ergänzt die hübsche Mitregentin an seiner Seite.

Wart’s ab, morgen kannst Du feiern, dann genießt Du so richtig.“ berichtet sein Vorgänger von den Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr.

Dein Wort in Gottes Gehörgang.

Marianne ist ein wenig stolz auf ihren Rainer, erntet sie doch jede Menge anerkennender Blicke aus der Damenabteilung des Schützenfestes. Doch dann passiert etwas, womit selbst die erfahrene Tanzband nicht gerechnet hat: Nicht die Stimme der neuen Sängerin verweigert den Dienst, sie vergisst eine Textzeile, ein verlegenes, unsicheres LaLaLa kommt ihr zaghaft über die Lippen, sie wirkt unsicher, möchte im Erdboden versinken, schaut sich hilflos um, eine Gruppe Jugendlicher aus dem Junioren-Spielmannszug, die schon die ganze Zeit mitgegrölt haben, singt weiter. Sie versucht etwas aufzuschnappen und den Faden wieder zu finden, – erfolglos. Ihr kommen verzweifelt die Tränen. Sie rennt vom Podest quer durch den Saal in den Hinterhof, da, wo noch am Nachmittag Hochbetrieb herrschte, das spannende Schießen stattfand, direkt in die Arme von „Häuptling der-vor-ihm-schoss“. Obwohl sie sich nie zuvor gesehen hatten, fühlte sie sich bei ihm sicher, geborgen.

Scheinen sich ja die beiden Pechvögel des Tages gefunden zu haben.“ Sie blickt ihn fragend an und er erzählt von den Ereignissen, die noch einige Stunden zuvor an dieser Stelle passierten.

Und jetzt geh wieder rein und mach aus dem Schuppen nen Hexenkessel, – wir sehen uns in der nächsten Tanzpause.“ Er wischt ihr die letzte Träne aus dem Gesicht, sie lächelt ihn an und haucht ihm einen zarten Kuss auf die Wange. Im Saal wird sie mit aufmunternden Worten und Applaus empfangen.

Kann doch jedem mal passieren.“ Mit neuer Kraft und auffallend mehr Power als vor dem ‚Unglück‘ heizt sie die Menge in diesem Schützenfest-Tempel ein, die nächste Tanzpause als erklärtes Ziel vor Augen.

 

 

 

 

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein