„Wie begegnen wir Einsamkeit im Kreis Steinfurt?“ – Rege Diskussionen bei der 21. KreisBegegnung

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(Foto: Kreis Steinfurt)

Soziale Räume schaffen, Brücken bauen, auf Einsame zugehen, analoge und digitale Angebote zielgruppenorientiert verbinden und Menschen mit der Digitalisierung nicht alleine lassen – all das sind erste Ansätze dafür, was gegen Einsamkeit hilfreich sein kann. Fast 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich bei der 21. KreisBegegnung im Salzsiedehaus in Rheine-Bentlage dazu ausgetauscht. Der Kreis Steinfurt hatte zu dieser Veranstaltung eingeladen. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Wie begegnen wir Einsamkeit im Kreis Steinfurt?“

Recht schnell war klar, dass es die eine Lösung gegen Einsamkeit nicht gibt. Denn schon Landrat Dr. Martin Sommer wies in seinem Grußwort darauf hin, dass die Ursachen für Einsamkeit vielfältig sind: „Einsamkeit hat unterschiedliche Gesichter. Alleinstehende oder Menschen in besonderen Lebenssituationen können betroffen sein – selbst, wenn sie in einer Beziehung leben oder Familie haben.“ Auch der Soziologe Dr. Janosch Schobin vom Kompetenznetz Einsamkeit berichtete in seinem Impuls, dass es nicht die eine Gruppe der Einsamen gibt. „Alter ist kein präziser Indikator für Einsamkeit. Im Alter nimmt die Einsamkeit zu, weil mehr Auslöseereignisse da sind, wenn der Partner oder der Freund stirbt.“ Bei jungen Menschen seien es versteckte Auslöseereignisse wie das Zerbrechen einer ersten Beziehung, der Auszug aus dem Elternhaus oder der Übergang in den ersten Job, die soziale Netzwerke verändern oder Bindungs- und Beziehungsverluste produzieren und auch Auswirkungen auf die Beziehungsqualitäten haben. Ebenso gehe aus Untersuchungen hervor, dass die Scham bezüglich Einsamkeit bei jungen Menschen stärker ausgeprägt ist, als bei älteren. Dies konnte Jan Wohlfahrt von der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Emsdetten-Greven erfahrungsgemäß bestätigen: „Das Thema Einsamkeit kommt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen selten auf den Tisch. Sie fragen sich, was mit ihnen nicht stimmt und können so immer mehr in die Isolation abdriften.“

Als Risikofaktoren für Einsamkeit konnten unter anderem Armut, Behinderungen, chronische oder psychische Erkrankungen sowie alleinerziehend zu sein oder Angehörige pflegen zu müssen, festgemacht werden. Drei Beispiele aus dem Publikum waren sehr einprägsam: Eine Mutter erzählte von ihrem gehandicapten Kind, das sich über Verabredungen zum Spielen gefreut hat. Es sei aber immer wieder vorgekommen, dass die Verabredungen vermutlich aus Überforderung oder Unsicherheit durch Eltern kurzfristig wieder abgesagt wurden – ausgerechnet an diesen Tagen habe es plötzlich Arzttermine oder andere Verpflichtungen gegeben. Ebenso war ihr ein gehandicapter Junge bekannt, der mit 12 Jahren zum ersten Mal verabredet war. Eine andere Betroffene berichtete von der Einsamkeit als Grundgefühl, dass sie über Jahre begleitet hat. Aufgrund ihrer offensichtlichen Erkrankung mieden die Menschen sie. Nicht so ein Nachbar. Er habe immer wieder etwas mit ihr unternommen, was ihre Rettung gewesen sei, so die Betroffene. Beide Frauen hatten den einen Wunsch: Sich nicht aus Angst oder Hilflosigkeit von den Menschen abzuwenden, sondern versuchen wahrzunehmen, wer einsam ist und auf diesen zuzugehen und mal zu fragen: „Was bedarf es, dass…?“ Einfach zu sagen „Geh‘ doch mal raus“, sei zwar gut gemeint, helfe den Betroffenen aber nicht, betonte Bianca Radoch vom Sorgentelefon Kreis Steinfurt e. V. Im Gegenteil: „Ratschläge fühlen sich für Einsame oftmals an wie Schläge. Einsame selbst haben nicht den Mut und die Kraft, sich um Kontakte zu kümmern.“

Für viel Diskussion sorgten soziale Medien und die Digitalisierung als Gründe für eine Entwicklung zur Einsamkeit. „Die Alten kommen da nicht mehr mit“, sagte ein Teilnehmer hörbar frustriert, der die persönliche Beratung bei dieser Entwicklung nicht nur bei den Kreditinstituten mehr und mehr vermisst. Verständnis dafür hatte Steffen Mantke aus dem Smart Region Büro des Kreises Steinfurt. Im Rahmen seiner Arbeit habe er von vielen Seiten gehört, dass die Menschen mit der Digitalisierung und der Angst davor allein gelassen werden. Sein Anspruch: „Man muss die Zielgruppe von Anfang an mitdenken und mitbeteiligen, wenn wir digitale Lösungen entwickeln, damit die digitale Transformation nicht zur Hürde wird.“ Landrat Dr. Martin Sommer versprach, dass die Älteren bei hauseigenen Verwaltungsangelegenheiten nicht abgehängt werden.

Die Moderatorin und Organisatorin der KreisBegegnung, Bettina Alt, lud in ihrem Schlusswort dazu ein, den Menschen ein wenig achtsamer, offener und freundlicher zu begegnen, um Einsamkeit zu verhindern, bevor sie entsteht und sie zu bekämpfen, bevor sie chronisch wird.

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