Mit dem Jobcenter Kreis Steinfurt zurück in die Spur – 25jährige Langzeitarbeitslose beginnt eine neue Ausbildung

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Vanessa Göcke verleimt Holzlatten. Diese Tätigkeit gehörte zu ihrer Arbeit in der Tischlerei des Denkmalpflege-Werkhofs. (Foto: Kreis Steinfurt)

Was Langzeitarbeitslosigkeit aus und mit den Menschen macht, Tanja Sailer-Kupka, Arbeitsvermittlerin des jobcenters Kreis Steinfurt, und Natalie Rengel, Sozialpädagogin beim Denkmalpflege-Werkhof e.V., wissen es ganz genau. Beide versuchen, Betroffenen wieder Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu geben. „Wir bauen eine Leiter aus dem beruflichen Loch“, sagt Sailer-Kupka. Denn es bleibe nicht ohne Folgen, wenn jemand viele Bewerbungen schreibe und immer nur Absagen erhalte, ergänzt Rengel und weiter: „Wenn ein Erwachsener nach einem Jahr Arbeitslosigkeit plötzlich SGB II-Leistungen erhält, wirkt sich das auch auf die Psyche aus.“

Wie auch im Fall von Vanessa Göcke, die bereit ist, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die 24-Jährige absolvierte nach dem Fachabitur eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten. Direkt im Anschluss trat sie eine Stelle als Bürofachkraft in einem Unternehmen aus der Privatwirtschaft an. Sie sollte eine altgediente Kollegin ersetzen. „Die Fußstapfen waren zu groß“, sagt Göcke rückblickend. Nach einem halben Jahr trennte man sich. Sie schrieb zahlreiche Bewerbungen und erhielt nur Absagen. Diese vielen Rückschläge warfen sie aus der Bahn. „Vanessa ist da leider kein Einzelfall. Zahlreiche Studien belegen, wie sehr die Arbeitslosigkeit sich negativ auf die geistige und körperliche Gesundheit auswirkt“, erklärt Sailer-Kupka und weiter: „Eine angeschlagene Gesundheit erschwert wiederum den Wiedereinstieg ins Berufsleben.“ Ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen nur schwer ausbrechen können.

Göcke gelingt es nach rund 30 Monaten Arbeitslosigkeit. Schritt für Schritt tastete sie sich wieder ans Berufsleben heran. Zunächst absolvierte sie Praktika. „Ich war in einem Kindergarten, beim Optiker, bei einem Raumausstatter und schließlich in einer Kfz-Werkstatt“, führt Göcke aus. Sie hatte im Vorfeld nicht wirklich damit gerechnet, aber die Arbeit in der Werkstatt sei voll ihr Ding gewesen. Dementsprechend gut fiel das Praktikumszeugnis aus. Ein erster Lichtblick nach Monaten voller Rückschläge. Der Werkstattleiter riet ihr, sich für eine Ausbildung im Betrieb zu bewerben. Sie zögerte zunächst. Hatte Angst, sie könnte scheitern. Doch dann fasste sie ihren Mut zusammen und schickte eine Bewerbung. Sie durchlief das Bewerbungsverfahren und erhielt im November 2019 die Zusage, für eine Ausbildung zur KFZ-Mechatronikerin ab September 2020.

Zusammen mit ihrer Arbeitsvermittlerin Sailer-Kupka beriet sie, was für die Übergangszeit sinnvoll sei. Die Lösung: eine Arbeitsgelegenheit beim Denkmalpflege-Werkhof. „Mit Arbeitsgelegenheiten schaffen wir zusätzliche, wettbewerbsneutrale Tätigkeitsfelder von öffentlichem Interesse für Langzeitarbeitslose. „Das heißt mit diesen Angeboten beeinträchtigen oder ersetzen wir keine bestehenden Arbeitsplätze und stehen auch nicht mit diesen in Konkurrenz“, erläutert Sailer-Kupka.

„Ich hatte den Werkhof im Rahmen einer Maßnahme schon einmal besichtigt. Die Atmosphäre dort hat mir sofort gefallen“, so Göcke. Im Dezember fing sie in der dortigen Tischlerei an. Der zuständige Anleiter, Günther Fischer, wies sie ein. Gemeinsam mit anderen Maßnahmeteilnehmern fertigt sie seitdem Nistkästen, Futterhäuschen, Getränkekisten, Insektenhotels. „Es macht total Spaß, etwas mit den Händen zu schaffen“, zeigt sich Göcke zufrieden. Überhaupt sei die Arbeitsgelegenheit beim Denkmalpflege-Werkhof ein Glücksfall für sie, betont die gebürtige Steinfurterin. Hier tanke sie das Selbstbewusstsein, das sie während ihrer Arbeitslosigkeit verloren habe. „Ich werde gebraucht und meine Arbeit wird wertgeschätzt, das hatte ich lange Zeit nicht“, erklärt sie und noch etwas ist anders: „Man freut sich auf mich!“ Das sei ein unglaublich gutes Gefühl, betont Göcke. Die Sozialpädagogin Rengel ergänzt: „Wir haben ein offenes Ohr für die Probleme und Schwierigkeiten unserer Teilnehmer. Viele müssen erst langsam wieder eine Tagesstruktur erlernen und ein positives Gefühl zu sich selbst und zum eigenen Können entwickeln.“ Daher gehen die Verantwortlichen des Denkmalpflege-Werkhofs behutsam vor und holen die Teilnehmenden dort ab, wo sie stehen. „Das ist durchaus wörtlich gemeint“, lacht Göcke, denn der Werkhof hat einen eigenen Shuttleservice, damit alle pünktlich zur Arbeit kommen können.

Ende Juli beendete Göcke ihre Tätigkeit beim Denkmalpflege-Werkhof. In zwei Wochen beginnt bereits die Berufsschule. „Ohne die Arbeit hier, hätte ich Angst vor der Ausbildung“, gibt sie offen zu. Doch jetzt freue sie sich einfach darauf, zumal Rengel und ihre Kollegen vom Werkhof versichert haben, jederzeit für sie da zu sein, falls es mal nicht so läuft wie geplant. „Das gibt mir Sicherheit“, betont sie dankbar. Um ihr den Wiedereinstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu erleichtern, hat ihre Arbeitsvermittlerin Sailer-Kupka für Göcke außerdem ausbildungsbegleitenden Hilfen in die Wege geleitet. Das sind individuelle Unterstützungsleistungen, damit auftretende Probleme nicht zum Abbruch der Ausbildung führen. „Um möglichst zielführend zu sein, sprechen wir diese Hilfen eng mit der Berufsschule, dem Unternehmen und der Auszubildenden ab“, erläutert Sailer-Kupka, die wie Rengel auch zukünftig für Göcke Ansprechpartnerin bleiben wird.  Die Mitarbeiterinnen des Jobcenters und des Denkmalpflege-Werkhofs sind zuversichtlich, dass sie ihren Weg zurück ins Berufsleben meistern wird.

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