Fortsetzungsroman „Schützenfest“ 6/14

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Mit Schwiegereltern auf Hochzeitsreise

Die Frauen und Freundinnen der Schützenbrüder, Omas mit ihren Enkelkindern aber auch Radfahrer die nur zufällig auf ihrer Pättkestour durch’s Münsterland hier entlang radeln, Urlauber aus dem Ruhrgebiet, stehen entlang des fahnengeschmückten Areals rund um die Vogelstange. Rund 50 Kinder haben sich schon die vordersten Sitzplätze ergattert, in den Jahren zuvor waren es mehr. Wir erinnern uns der Grüße aus dem Ferienlager, die der Pfarrer gestern überbrachte. Einige ganz besonders kleine fangen in ihren Sportwagen und Buggies an zu weinen als die laute Musik wie ein Ungeheuer direkt auf sie zukommt. Da hilft auch das wiegen in den Armen der jungen Mutter nicht viel. Andere stehen mit einer kleinen Blechtrommel am Straßenrand und klinken sich in das Spiel mit ein, früh übt sich, wer später auch mal ein echter Klöppeljung werden will – wenn er groß ist. Der noch amtierende Jungmännerkönig zelebriert und genießt seinen letzten Aufmarsch mit Kette, – wer wird wohl sein Nachfolger werden???

Kurz bevor sie auf den Festplatz einbiegen, sieht Rainer ’seinen‘ P601 wieder.

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Kiek ma, der hat ja Berliner Kennzeichen wa, – hab ick eben jarnich druff jeachtet, muss ick doch jleich ma kieken, wer da insteigt.

Von Berlin bis nao Detten, – dann häff den eener Huckepack metnuomen…“ Obwohl der ehemalige Trabbi-Pilot jetzt eigentlich in seiner Ehre gekränkt sein müsste, gelingt es ihm nicht, ein verschmitztes Lächeln zu unterdrücken. Tatsächlich werden in ihm jetzt wieder so einige Erinnerungen wach. Das erste Rendezvous mit Marianne, ihr selbstgenähtes Kleid an diesem Frühlingsabend, die Ölspritzer aus dem Auspuff und die dann glorreiche Idee, dass man aus diesem Kleid doch auch hervorragend einen Minirock machen könne. Das ‚glorreich‘ beschränkt sich dabei auf Rainer’s Betrachtungsweise, Marianne wollte von da an zunächst nichts mehr von diesem ‚Barbaren‘ wissen.

Kannste Dir vorstell’n, – icke, Marianne, meene Schwiejereltern, Campingausrüstung, Verpflejung und wat zum anziehen für zwee Wochen, – allet in so eene Keksdose. Mit Schwiejereltern uff Hochzeitsreise, – naja – aber schön war’t doch irjendwie, – die war’n halt inne Partei, da hatte man dann schon Vorzüje. Jetze sind se wieder drinne, die lern‘ det eenfach nich. Aber die ham’m ussjesorgt und darauf kommt et ja letzendlich irjendwie auch druff an. ‚Nich die Jesinnung is wichtig,‘ ha’m se immer jesacht, ’sondern dat de dabei bis!‘ Schleim, schleim sag ick da bloß, ich bin doch och noch Mensch, hab doch een Jewissen. Und dat der Kommunismus jescheitert is, det is ja nunmal erwiesenermaßen festjestellt. Ey – wo seid denn ihr alle hin, – ihr könnt mich doch hier nich alleene stehen lassen….

Der noch amtierende König macht den ersten Schuss mit dem großkalibrigen Jagdgewehr. Hier herrschen strenge Vorschriften, das Gewehr muss eingespannt sein, im Schießstand selber darf dich nur der Schießwart und der jeweilige Schütze aufhalten, die Vogelstange und der Schießstand müssen weiträumig abgesperrt sein, ein Kugelfang muss im richtigen Winkel zum Schießstand sicherstellen, dass sich keine Munition ‚verirren‘ kann, der Schießwart, der selbstverständlich im Besitz eines gültigen Jagdscheines sowie einer Waffenbesitzkarte sein muss, trägt letztendlich die Verantwortung für das Schiessen, er entscheidet, ob der willige Aspirant wirklich fähig ist, sicher mit dem Gewehr um zu gehen oder beispielsweise durch zu viel Alkoholgenuss ‚untauglich‘ und somit zu einem Risiko geworden ist. Der Schriftführer verliest die Statuten:

„…König ist derjenige, bei dem der Vogel zu Boden fällt…“

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