Fortsetzungsroman „Schützenfest“ 10/14

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Bullette oder Schrippe

„Se kuemt drantrecken!“ Diesen Satz hat Marianne doch schon einmal gehört? Gestern abend, fast zur selben Zeit, an selber Stelle.

Eindrucksvoll, auf voller Straßenbreite lässt die Berlinerin den Umzug auf sich zukommen, die Majore mit Uniform, blitzenden Säbeln, bunten Federhüten auf dem Kopf und die Partnerin in festlichem Abendkleid oder Kostüm im Arm. Der Blumenstrauß, den alle Damen halten, die hier zeigen, dass Gleichschritt gar nicht so schwer ist, ist einheitlich in den Vereinsfarben gestaltet, rote Rosen sind verarbeitet, grünes Blattwerk, weiß schimmerndes Schleierkraut. Nach den Ehrentänzen stehen im Bühnenkeller Blumenvasen bereit, die Gebinde müssen auch morgen Abend noch frisch aussehen.

Marianne fotografiert unaufhörlich, ihre Nachbarn und Freunde in Berlin werden beeindruckt sein, wenn die Kaisers zu einem Schützenfest-Dia-Abend einladen. Heimlich hat sie sich bereits einige Papierrosen in ihre Handtasche gesteckt, mit welchen sie ihr Wohnzimmer schmücken wird. Kurz vor ihrer Abreise will sie noch fragen ob sie einige Meter grüne und rote Wimpel vom Straßenschmuck mitnehmen darf.

Der Junioren-Spielmannszug „lockt“ und dann setzen sie zum gemeinsamen „König Friedrich“ ein, ein Marsch bei dem es schon bei einer einzelnen Gruppe kalt den Rücken herunterläuft, aber wenn jetzt 100 Spielleute ihre Instrumente erklingen lassen, dann entsteht da schon die ein oder andere Gänsehaut am Straßenrand. Auch für die Spielleute ist es eine dankbare Kulisse, die sich hier spalierbildend zeigt. Eine Menschentraube beginnend 50 Meter vor der Gaststätte, endend erst im festlich geschmückten Saal, direkt vor der Bühne. Fünf Mal wird der Marsch durchgespielt, dann erst hat auch der letzte Schützenbruder den Saal erreicht, die Anstrengungen des Tages sind jedem einzelnen ins Gesicht geschrieben, – und dennoch wird dieser Tag noch lange nicht zu Ende sein. Das Feiern beginnt jetzt erst.

Doch vorher haben unsere Gäste aus Berlin, Rainer und Marianne Kaiser, noch Gelegenheit, mit den neuen Regenten zu Abend zu essen. Ein Tisch ist extra reserviert und das neue Jungmännerkönigspaar wird auch sofort bevorzugt bedient. – Allein der Weg vom Königsthron bis in die Gaststube ist beschwerlich, immer wieder aufgehalten, muss Glückwünsche entgegennehmen und schaut dabei in triefend nasse Gesichter und Haare. Draußen hat es erneut begonnen, fürchterlich zu regnen. Wer jetzt noch nicht im Saal oder auf einem der großen Festzelte, die an diesem Wochenende gleich mehrfach in Emsdetten aufgebaut sind, ist, dem könnte glatt die Lust vergehen, das sichere Eigenheim zu verlassen und den ein oder anderen Königsball zu besuchen.

Da haben wir ja nochmal Glück gehabt.“ wird gewitzelt.

Das Schießen soll ziemlich spannend gewesen sein?

Ganz ehrlich? Ich hab schon nicht mehr daran geglaubt, dass ich überhaupt nochmal dran komme, – apropros, – wo ist eigentlich mein Mitaspirant???“ geht sein Blick suchend durch den Saal. Sämtliche Schützenbrüder einheitlich in weißer Hose, weißen Hemd mit Vereinskrawatte und Schützenhut ausgestattet, da ist es nicht wirklich ein Einfaches, hier jemanden gezielt ausfindig zu machen. Was der Sieger aus dem nachmittäglichen Schießduell nicht weiß: „Häuptling der-vor-ihm-schoss“ ist schon lange zuhause, lässt sich von seiner vermeindlichen Königin trösten und tankt neue Energie für den nächsten Angriff: Morgen will er Scheibenkönig werden!!!

Das Essen ist schnell bestellt und noch schneller gebracht, – scheint es. Die Getränke hingegen lassen auf sich warten, an der Theke herrscht Hochbetrieb. Doch dann bekommt auch der neue Kettenträger der Hollinger Schützengesellschaft das zuvor georderte Mineralwasser.

Wat is’n det? Wir sind hier doch nich uff n Kinnerjeburtstag.“ Rainer bestellt sich ein großes Bier, scheint neuen Lebensmut gefunden zu haben, ahnt jetzt, was mit „hier tanzt der Bär“ gemeint ist und blickt voller Vorfreude auf das, was ihn in den nächsten Stunden erwarten wird.

Der Versuch, mit dieser Bemerkung eine Unterhaltung in Gang zu bringen, war zwecklos, die Schärpen behangenen Würdenträger sind viel zu sehr mit sich selbst und organisatorischen Fragen beschäftigt.

Hast Du Deinen Eltern Bescheid gegeben?

Hallooooo? Die sind bereits hier und Du hast auch schon mit ihnen gesprochen??? – Was bist Du denn so durch den Wind?“ Die Coolness des Königs während des zähen Ringens und die Panik der Freundin nach dem gezielten letzten Schuss „oh mein Gott, was soll ich bloß anziehen?“ scheinen sich um 180° gewandelt zu haben.

Tschuldige bitte, aber ich bin zum ersten Mal Schützenkönig.

Hört sich ja an, als machst Du det öfters.“ Beginnt nun Marianne ein Gespräch unter Frauen. Und richtig, die amtierende Königin hat vor drei Jahren „ausgeholfen“, als ihr Cousin keine Königin vorweisen konnte und der Vorstand der Schützengesellschaft entsprechend der Statuten damit drohte, dass, wenn nicht in den nächsten 15 Minuten eine Königin genannt würde, der Vogel wieder aufgesetzt und ihm die Kette wieder abgenommen würde.

Oops – so strenge Sitten jibbt det hier?

Weeste doch, in Deutschland is allet jerejelt, det war früher bei uns so und is et heute och noch. – Is aber auch jut so, der Mensch brauch….

Rainer is juut jetz…. – Deine Bullette wird kalt.

Det war se bereits als sie anjekommen is – ich bin mir nur nich sicher, ob det wirklich ne Bullette oder nich doch ne Schrippe is, – ich werd der Sache mal auf’n Jrund jeh’n.“ steht Rainer auf und schreitet auf direktem Weg zur Theke.

Herr Wirt….

Kiek äs an, dao is ja usse Stüörtkaor wieer!“ – Schallendes Gelächter im Schankraum. Rainer sieht ein, dass er mit seinem Vorhaben wenig Aussicht auf Erfolg haben wird und gesellt sich wieder zu seiner Frau:

Wie ick jesacht hab, – et is ne Bullette.“ – Das Königspaar ist mittlerweile aufgestanden, weitere Gäste sind eingetroffen.

 

 

 

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