23.3 C
Emsdetten
Dienstag, Juli 7, 2026
Start Allgemein „Ein ganz besonderes Fest – Weihnachten 1967“ – Weihnachtsgeschichten Teil 4

„Ein ganz besonderes Fest – Weihnachten 1967“ – Weihnachtsgeschichten Teil 4

0
741

Christina Maria Hesse erzählt uns heute von einem ganz besonderen Erlebnis aus ihrer Kindheit in Telgte und erhält dafür zwei Eintrittskarten für die Jubilar-Sitzung der KGE am Sonntag, 28. Januar 2024. – Lehnen Sie sich gemütlich zurück, diese Erlebnis ist etwas länger…

Ein ganz besonderes Fest

„Aufwachen, aufwachen! Stina aufwachen!“
Meinem unfreiwilligen Erwachen in der Nacht des Heiligen Abend im Jahr 1967 ging ein schöner Weihnachtsabend voraus.

Die Arbeit in Vaters Metzgerei war an diesem Heiligen Abend ein großer Unterschied zu anderen Jahren. Es war ein Sonntag. Heiliger Abend 24. Dezember 1967.

Auch an diesem Tag war mein Vater in seiner Metzgerei. Der Laden war allerdings nur bis um 12 Uhr geöffnet. Es wurden Bestellungen herausgegeben und Aufschnitt und Schinken verkauft.

Sehr viel weniger turbulent als sonst, die Kundschaft war bereits am Samstag versorgt mit den Fleisch- und Wurstwaren des Weihnachtsmenüs. Viele Kunden wussten nicht, dass am Sonntag geöffnet war.

Ich war sechs Jahre alt und erlebte zum ersten Mal eine Bescherung und einen Weihnachtsabend am 24. Dezember!

Die Jahre vorher fing Weihnachten für mich immer erst am ersten Feiertag an. Die Arbeiten im Weihnachtsgeschäft waren anstrengend, dauerten bis in den späten Nachmittag und raubten meinem Vater die Kraft für einen langen Abend.

Es war okay für mich. Ich kannte es nicht anders.

Umso aufgeregter war ich nun. Der Heilige Abend mit Kerzen, einem guten Essen und Bescherung. Schon spät, fast Mitternacht brachte mein Vater mich zu Bett. Unsere Hündin Heidi, die bis jetzt zu Vaters Füßen vor seinem Schaukelstuhl verharrt hatte, schlich in ihre Ecke. – „Gute Nacht Heidi.“

Gewohnheiten bleiben auch wenn sich Wochentage ändern.

Mein Vater ging auch in dieser Nacht, zwar sehr viel später als sonst, in seine Metzgerei und schaute nach dem Rechten.

Er kontrollierte ob das Licht in allen Räumen ausgeschaltet, die Temperatur vom Kühlhaus konstant war und den Reifegrad der Schinken und Mettwürste auf dem Trockenboden.

Sein Weg führte ihn immer über die Bahnhofstraße in die große Diele, durch die Verarbeitungsräume, am Büro vorbei, durch einen Flur in Richtung Querstraße. Um die Ecke gehend fällt sein Blick auf die Ladentür und in das Schaufenster seines Ladens, gewiss immer mit Stolz.

Es sind nur ungefähr 100 Meter zurück zum Wohnhaus auf der Bahnhofstraße.
Keinen Abend ohne diesen Rundgang meines Vaters.

„Aufwachen, aufwachen! Stina aufwachen!“
Nach meinem unfreiwilligen Erwachen schaue ich in Vaters Gesicht. Seine Augen blitzen.
„Stina komm! Stiefel an, Jacke an! Kind komm. Ich zeige dir eine lebendige Krippe!“

Treppe runter, im Flur angekommen, rieb ich mir die Augen noch schlaftrunken.
Mein Vater setzte mir seinen Jägerhut auf den Kopf. „Es ist kalt“ raunte er vor sich hin.
Sein Auto stand mit laufendem Motor vor der Haustür. Einsteigen und los.

Lebendige Krippe, was sollte das sein?
Mein Vater fuhr eine winzige Strecke und hielt vor dem Metzgerladen. Ich verstand es nicht.
Ich sah den Weihnachtsbaum im Schaufenster. Er glitzerte mit vielen Lämpchen und Lametta.
Es war ein einsames Licht auf der Bahnhofstrasse in dieser besonderen Nacht.

„Papa, was machen wir jetzt?“
Mein Vater öffnete den Kofferraum und holte Sprudel und Wasserflaschen heraus. Ich verstand immer weniger.

„Stina komm!“
Meinem Vater folgend ging ich zur Ladentür. Er stellte die Flaschen ab und nahm mich an die Hand.

„Eine lebendige Krippe und du bist das Christkind!“
Was war DAS?

Vater hielt die Tür auf, mein Blick fiel in den Laden.
Dort saßen fünf Männer vor der Theke auf dem Boden.
In dicken Jacken gehüllte Männer, zwei Pudelmützen, sowie einen Cowboyhut und einen zotteligen Hund nahm ich mit erstem Blick wahr.
Vor den Männern auf dem Boden lagen Mettwürste und ein Stück Schinken.
Ein großes Messer funkelte im Schein der Weihnachtsbaumkerzen.

„Männer, ich bin zurück. Keine Angst! Wir feiern jetzt zusammen Heilige Nacht! Das Christkind habe ich mitgebracht!“
Ich stand dort, mitten im Laden. Vater holte die Getränke herein und drehte die Jalousie am Schaufenster herunter.

„Christina, geh ins Büro und bring Kissen vom Sofa her! Ich koche Kaffee!“
Die Männer bekamen Kissen und Kaffee.

Mein Vater holte seinen Bürostuhl und für mich einen kleinen Sessel. Den fünf Männern stand noch immer Angst und Schrecken im Gesicht als sie mir berichteten vom Moment als mein Vater sie entdeckte.

Bernhard, Franz, Rudolf, Manfred und Klaus waren als Tippelbrüder an diesem Abend in Telgte unterwegs auf der Suche nach einem Schlafplatz. Die Fläche unter der Emsbrücke war ihr Ziel.
Unterwegs auf der Bahnhofstraße bemerkte Franz sein offenes Schuhband. Er lehnte sich an die Ladentür um es zu binden. Die Tür gab nach. Die Tür ging auf. So standen die fünf Männer plötzlich im Laden unserer Metzgerei.
Ein Raum mit Weihnachtsbaum, Mettwürsten und Schinken. – Weihnachten. Der Heilige Abend.
Eine Weihnachtsbotschaft?
Ein Geschenk für die durchgefrorenen und hungrigen Männer?

Bernhard hatte Bedenken, er wollte nichts stehlen. Der Hunger aber, die Kälte, die Nacht der Emotionen und Erinnerungen ließen seine Skrupel verblassen.

So setzten sie sich vor die Theke mit Blick auf den glitzernden Baum. Sie schnitten sich von einem Schinken ab und bissen in die Mettwürste.

Leise, fast ehrfürchtig saßen sie dort, bis…..bis plötzlich mitten in der Nacht mein Vater in der Tür stand. Er hatte einen Schatten im Laden bemerkt als er am Schaufenster vorbei auf dem Rückweg seines Rundgangs nach Hause war.

Als er die Ladentür aufschließen wollte, bemerkte er das diese unverschlossen war. So stand er plötzlich vor den fünf Männern.

Eine lebendige Krippe mit mir, Christina, als Christkind.
Die schönste Nacht in meinem Leben.

Ich hörte die wundervollsten, traurigsten und aufregendsten Geschichten aus fünf harten Leben. Ich sah in fünf strahlende, schmutzige Gesichter. Ich staunte über zehn durchgelaufene Schuhe. Wie viele Kilometer waren diese Schuhe schon gelaufen?

Ich empfand Traurigkeit und gleichzeitig Freude für den zotteligen Hund. Ein treuer Freund für die fünf Männer. Das Wasser der ersten geöffneten Flasche goss Franz in die Hände von Klaus. Der Hund hatte großen Durst.

Sah ich eine Träne in Vaters Auge? Die fünf Männer waren Hirten, Könige, Josef von Betlehem, Schäfer. Eben eine  lebendige Krippe.

Es wurde hell draußen, der erste Weihnachtstag brach an. Noch nie war ich so müde, so glücklich und so zufrieden.

Die fünf Männer halfen meinem Vater beim Aufräumen. Eine Tüte mit Wurstwaren und einem großen Knochen für den Hund ohne Namen war bereitgestellt.

Mit glitzernden Augen, ich glaube es waren Tränen in ihren Augen ………bedankten sie sich.

Mein Vater sagte: „Franz, Rudolf, Manfred, Klaus, Bernhard, es war mir eine Freude mit euch und meiner Tochter ein so besonderes Weihnachten zu erleben. Geht am Mittwoch in das Schuhgeschäft an der Kapellenstraße und sucht euch dicke Winterschuhe aus. Ich sage dort Bescheid und zahle die Rechnung. Frohe Weihnachten!“

Zögernd umarmte jeder der fünf Männer meinen Vater.
„Dankeschön, frohe Weihnachten!“
Der zottelige Hund schaute mich an, auch sein Blick sagte Danke.

„Josef, du heißt Josef wie Papa. Josef pass auf deine Tippelbrüder auf!“
Ergriffenheit, Demut, Hilfe, Ehrlichkeit, Bitte und Danke machten diese Nacht zur wahren Heiligen Nacht.

Am Silvesterabend lagen fünf unterschiedliche, sehr verschlissene Schuhbänder, zusammengebunden mit einem goldenen Band vor der Ladentür der Metzgerei.

Kommentieren Sie den Artikel

Die Kommentare werden erst nach Prüfung freigeschaltet. Kommentare ohne Hinweis auf den Verfasser (vollständiger Klarname) oder gar mit vorsätzlich falscher E-Mail-Adresse werden nicht veröffentlicht! Wir bitten Sie, bei Ihren Kommentaren sachlich zu bleiben und sich einer angemessenen Formulierung zu bedienen.

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Danke für Ihre Nachricht. Wir werden diese schnellst möglich bearbeiten.