Die Genderfrage – Ein Gespräch mit Tanja Heuer

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(Grafik: pixabay)

Hallo liebe Leser*innen…Leser_innen…Leser:innen, ähhhh LeserInnen oder Leser/-innen? Wie war das noch mit dem Sternchen, Doppelpunkt und Unterstrich? Ach lassen wir das doch lieber ganz, oder? Genau das ist die Frage, die uns bei AllesDetten seit einigen Tagen umtreibt. Sollen wir weiter gendern oder nicht?

Tanja Heuer, Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt Emsdetten (Foto: privat)

So kam es vergangenen Donnerstag zu einem Gespräch mit Tanja Heuer, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Emsdetten. Diese hatte auf die Entscheidung der Redaktion, künftig auf das Gendern zu verzichten, mit Bedauern reagiert und um ein Gespräch gebeten. Mit der Bitte, man möge sich die Entscheidung noch mal überlegen. Wobei die Meinungen gar nicht so weit auseinander liegen, wie sie selbst bei der Prüfung einiger Texte auf AllesDetten festgestellt hat.

(Grafik: Joanna Puzik)

Was am Gendern stört?

„Ich habe ja nur gesagt, dass das Gendern sich durchzusetzen versucht. Von meiner Warte aus ist es kein Geschlechterproblem. Es geht mir eigentlich nur um den redaktionellen Part, den Sprachfluss.“ Das sei im Grunde der Hauptgrund für die Rückkehr zur alten Sprachweise, sagt Manfred Schwegmann, Redaktionsleiter bei AllesDetten.

,„Was am Gendern stört? Der Sprachfluss wird dadurch unterbrochen. In der Sprechsprache ist es ein Stolpern [auf Lücke zu sprechen]. In der Schrift herrscht noch viel Durcheinander mit Sternchen, Unter- und Bindestrich.“, erläutert er seine Entscheidung. Das Problem sei auch, dass in den Überschriften nur wenig Platz für Doppelnennungen sei. Und „den ganzen Text mit Doppelpunkten voll zuklatschen, das ist nicht im Sinne des Erfinders, denke ich“, äußert er gegenüber Tanja Heuer, der Gleichstellungsbeauftragten von Emsdetten.

Dem stimmt sie zu und räumt ein, dass bei online Medien auf Sonderzeichen und Markierungen, wie das Gendersternchen besser verzichtet werden sollte, da diese Schreibweise nicht barrierefrei sei. Viele Reader, die Texte beispielsweise für blinde Personen vorlesen, sprechen die Sonderzeichen nämlich immer mit, was den Lesefluss in der Tat sehr störe.

(Grafik: Joanny Puzik)

Warum gendern dennoch wichtig sei?

In Vorbereitung auf das Gespräch hat Tanja Heuer sich vier AllesDetten-Texte herausgepickt und genderkonform umgeschrieben. Damit wollte sie aufzuzeigen, dass es gar nicht so schwer sei geschlechtsspezifisch zu schreiben, damit sich alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen fühlen. „Die Formulierungen, die ich gewählt habe, sind jetzt leicht umzusetzen und machbar – auch ohne die komplizierten Anwendungen mit Sternchen und Bindestrichen“, sagt sie.

Denn auch beim generischen Maskulin, dass an sich sämtliche Personenbezeichnungen gleichermaßen einschließt, werden die Frauen zwar „mitgemeint“, selten aber auch „mitgedacht“.

(Grafik: Joanna Puzik)

Was viele an gegenderten Texten und Begriffen nervt?

„Ich glaube kaum, dass im Moment [des Lesens] jemand hinterfragen möchte, ob unter den 2000 Zuschauern in der Emshalle jetzt so viele Männlein oder Weiblein sind.“, meint der Redaktionsleiter.

Da gibt ihm Tanja Heuer Recht und antwortet:

„Ich glaube da muss man ganz pragmatisch vorgehen. Wenn da jemand Zuschauer schreibt, kräht da kein Hahn nach. Aber wenn man eine Grundsensibilität dafür schafft, wäre das gut. Ich denke tatsächlich, wenn man mit etwas Augenmaß daran geht, dass das schon reicht.“

 Für alle Begriffe sei das Gendern nicht notwendig, feste Begriffe, wie etwa Minister-präsidentenkonferenz könnten auch gelassen werden, meint Heuer. „Es geht nicht immer [alles zu gendern], dann wird es unhandlich.“, sagt sie.

Das sei auch so bei Begriffen, wie Mitglieder. Denn Mitgliederinnen oder aus dem Englischen abgeleitete Wörter, wie Managerin gibt es so eigentlich nicht. „Das ist, wo viele sich daran stören, wenn schon neutrale Begriffe gegendert werden.“, gesteht Heuer.

Ihrer Meinung nach müsse man sich beim Gendern wohlfühlen. So gehören für sie Begriffe, wie Studierende oder Mitarbeitende zum persönlichen Sprachgebrauch, während andere dabei die Nase rümpfen und Schwierigkeiten haben sie anzuwenden, berichtet sie.

„Ich suche mir gerne Synonyme, um keinen Gesetzestextcharakter zu haben“, kommentiert Schwegmann. Da werde es schnell unleserlich, wenn man jedes Mal auf die Doppelnennung besteht. Der perfekte Text sei für ihn, wenn die Leute nicht mitkriegen, was wie geschrieben ist, weil sie den Bericht in einem Fluss durchlesen. „Ich muss ja alle erreichen“, sagt er als Betreiber von AllesDetten. „Durch die mannigfache Aufzählung, hören viele auf zu lesen. So erkläre ich mir die vielen Likes. Die meisten wollen das beibehalten, wie sie es gelernt haben.“, sagt Schwegmann in Bezug auf die Reaktionen. „Das bedeutet nicht, dass man sich Neuem verschließt, sondern dass man Bewährtes beibehält.“

(Grafik: Joanna Puzik)

Gendern ist umständlich und schwer verständlich – oder?

„Wie ist es eigentlich bei Mitbürgern mit anderer Muttersprache? Da müsste das Gendern doch eine besondere Hürde beim Spracherwerb sein“, will Schwegmann wissen. „Da gehe ich auch von aus.“, antwortet Heuer. Wie es in Bezug auf leichte Sprache ums Gendern steht, weiß sie nicht zu sagen. Gerade, weil bei leichter Sprache auf einfache Formulierungen geachtet werde.

Tanja Heuer engagiert sich generell für mehr Diversität in Kinderbüchern. Dem Projekt im Schaufenster des Ateliers Buch und Kunst folgt nun in der Stadtbibliothek eine Ausstellung, um Familien mehr Vielfalt in der Kinderbuchlandschaft aufzuzeigen. (Foto: pixabay)

Das Argument, dass geschlechtsspezifische Sprache aber zu umständlich für Kinder sei, konnte in einem Experiment im Fernsehen widerlegt werden. Heuer erzählt von einem Modellversuch, wo in der Kindersendung „Logo“ ausprobiert wurde, wie Kinder auf gegenderte Sprache reagieren. Das Ergebnis: Die Kinder haben alles genauso gut verstanden. „Da machen wir uns als Erwachsene zu viele Gedanken, die wachsen damit auf.“, äußert Tanja Heuer, die selbst Mutter einer jugendlichen Tochter ist.

(Grafik: Joanna Puzik)

Was, wenn gendern nicht gewünscht wird?

Wie die Reaktionen auf das Statement vergangene Woche gezeigt haben, ist das Meinungsbild keineswegs ausgewogen (zum Bericht: H I E R ). Was, wenn die Leserschaft geschlechtsspezifische Sprache ablehnt oder Werbepartner dadurch auf andere Medien ausweichen? Dies weiß Tanja Heuer damit zu beantworten, dass sie auf das Argument der wertschätzenden Kommunikation setzen würde. „Wenn man das den Sponsoren zeigt, dann werden sich wohl die wenigsten dagegenstellen“, sagt sie. Da sich Schwegmann bei AllesDetten täglich mit Sprache beschäftige, wäre es für ihn an sich kein Martyrium sich umzustellen, lenkt er ein. Hier stellt sich aber auch die Frage, ob die gesamte Literatur jetzt umgeschrieben werden muss.

(Foto: pixabay)

Gibt es eine Deadline, ab wann gegendert werden muss?

„Die deutsche Sprache ist an sich eine, die zum gestalten einlädt, man kann mit Worten und Formulierungen so herrlich spielen“, sagt Schwegmann und bekundet, dass ihm ein wertschätzender Umgang sehr wichtig ist: „Wir sind ja [bei AllesDetten] nicht dagegen [zu gendern] und wollen wertschätzend sein.“ und betont nochmal, lediglich den harmonischen Sprachfluss nicht antasten zu wollen. Er sei offen in dieses Gespräch gekommen und gehe ebenso offen wieder heraus.

„Gibt es einen Zeitpunkt, ab wann wir nicht mehr drumherum kommen, in unseren Texten zu gendern?“ „Das wird kommen, das wird man nicht aufhalten können.“ so Tanja Heuer, „Ein Endzeitpunkt [ab wann nur noch die neue Form benutzt werden darf] ist nicht absehbar. Dass Kinder damit aufwachsen werden, ist aber klar.“, antwortet Heuer. Es tue sich einiges momentan. Im Duden seien seit einem Jahr immer mehr Berufsbezeichnungen hinzu gekommen, die an die weibliche Form angepasst wurden. Auch werden derzeit Schulbücher in Sprache und Bildern umgestaltet.

(Grafik: Joanny Puzik)

Wie genderkonform geschrieben werden kann?

Die geschlechtsspezifische Unterscheidung in der Sprache ist bei Heuer schon lange Thema. Als sie im April 2021 als neue Gleichstellungsbeauftragte nach Emsdetten kam, ist ihr gleich aufgefallen, dass in der Stadtverwaltung sehr feste Positionen bestehen. Daraus entstand schließlich das Projekt „Leitfaden geschlechtsgerechte Schreibweise“, eine interne Arbeitsanweisung, wie sämtlicher Schriftverkehr der Stadt Emsdetten jetzt geführt wird.

Ab 2018 müssen alle Geschlechter einbezogen werden. Das sei durch § 4 im „Landesgleichstellungsgesetz“ geregelt, erläutert Heuer. „Der Schriftverkehr, der für jeden rausgeht. Das muss jeder befolgen.“, sagt sie. NRW sei eines der wenigen Länder, die es verpflichtend machen. Im Bund sei das Gendern zeitweise durch Christine Lamprecht angeordnet worden. „Da hat sie gesagt, dass man natürlich geschlechtsgerecht schreiben sollte, aber ohne Markierungen.“, berichtet Heuer.

(Grafik: Joanna Puzik)

Deshalb folgt der verfasste Leitfaden dem Duden und dem Rat für deutsche Rechtschreibung und beschränkt sich auf drei primäre Grundformen:

Neutralisierung
Doppelnennung
Schrägstrich-Form 

(Grafik: Joanna Puzik)

Wie wird künftig in der AllesDetten-Redaktion vorgegangen?

Der Leitfaden sei gut angekommen. Heuer berichtet nur über positive Meldungen innerhalb der Stadtverwaltung (es gab jedoch aus dem Rathaus auch einige Likes auf die Meldung von AllesDetten, künftig nicht mehr zu gendern).

Aus diesem Grund werden die Texte, die als Pressemitteilungen von der Stadt oder vom Kreis kommen auch künftig weiter gegendert bleiben. „Fremde Texte werden bei uns in der Regel nicht verändert. Andere Medien passen Meldungen an und formulieren um, was auch zum Verfälschen des Inhalts führen könne und häufig tatsächlich auch führt.

„Bei uns bleiben künftig in eigenen Texten 2.000 Zuschauer auch 2.000 Zuschauer. Sprechlücken durch Gendersternchen, -doppelpunkte, -unterstriche, werden wir ebenfalls vermeiden.“

Da in diesem Gespräch viele neue spannende Fragen aufgeworfen wurden, wie etwa, was steht eigentlich im Briefkopf des Bürgermeisters, was stand im Briefkopf, als Anneliese Meyer zu Altenschildesche noch im Amt war? Und wie sieht es eigentlich zukünftig in der Schule aus, wird in den Schulbüchern bald auch gegendert? Oder bekommen die Kids Stress mit ihren Lehrern, wenn sie */_ & Co. anwenden? „Es sind viele neue Punkte dazugekommen für zukünftige Treffen“, sagt Tanja Heuer.

Wir bleiben demnach in Kontakt mit der Gleichstellungsbeauftragten und kommunizieren und diskutieren weiter. Es bleibt spannend in der Genderfrage?

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