Borderline – und die Angst vor der Einsamkeit

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(Foto: Eike Brünen)

AllesDetten hatte in der vergangenen Woche ein sehr interessantes Gespräch mit J. (weibl., 30 Jahre). Die offizielle Diagnose wurde erst 2017 gestellt, tatsächlich leidet J. aber bereits seit mehreren Jahren an Borderline.
Als ihr dann bekannt war, worunter sie litt, konnte J. sich auch ins Thema einlesen, hat sich mit der Krankheit auseinandergesetzt, hat Parallelen zu sich erkannt und versucht, zu erfahren, wie man als Betroffene am besten damit umgeht.

Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung die sich häufig dadurch äußert, dass der/die Patient*in sich in Phasen in einem emotionalen Chaos befindet. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Borderline heißt übersetzt „Grenzlinie“. In der modernen Literatur und Wissenschaft spricht man heute von einer emotional-instabilen Persönlichkeit. Auch wenn Menschen mit einer Borderline-Erkrankung sich manchmal an der Grenze zwischen Leben und Tod bewegen, so liegt ihre Hauptschwierigkeit in einer emotionalen Regulationsstörung.

Von Weinkrämpfen über absolute Glücksgefühle bis hin zu Wutanfällen bei denen die Patienten zu impulsiven, unkontrollierbaren Aktionen neigen, reicht hierbei das Spektrum der nach außen sichtbaren Symptome. Dazu bedarf es nicht einmal großer Auslöser, der noch so belangloseste Vorgang kann die Ursache für derartige Reaktionen sein. Die Krux bei der Sache: in diesen„Phasen“ war J. stets davon überzeugt, das Richtige zu tun, hatte das Gefühl, ihre Reaktion sei angemessen.
Erst wenn der „Normalzustand“ wieder erreicht war, wurde ihr bewusst, dass das wohl doch nicht so ganz in Ordnung war und hat sich dann auch häufig bei den Betroffenen entschuldigen müssen. Allerdings hat J. nie wirklich Einfluss auf diese Reaktionen: „Ich bin dann wie im Tunnel“. Das ging letztlich sogar soweit, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus traute, immer war die Angst vor einem weiteren emotionalen Zusammenbruch präsent.

Die Phasen kommen nicht regelmäßig: „Mal ist ein halbes Jahr lang nichts, dann kann es aber auch wöchentlich passieren.“ Und als es in dieser Häufigkeit aufgetreten ist, als J. gegen Wände getreten und geschlagen hat, immer häufiger wegen daraus resultierender Verletzungen ins Krankenhaus musste, als sie spürte, dass Suizid nicht nur immer häufiger auftretender Gedanke war, sondern sie schon konkret die Durchführung geplant hat, hat sie sich dann entschieden, sich in eine Spezialklinik einweisen zu lassen.

Ein knapp sieben Wochen dauernder Klinikaufenthalt hat ihr aus dieser Krise heraus geholfen. J. bekommt seither Medikamente. Die stationäre Behandlung hat ihr sehr geholfen, noch heute hat sie wöchentlich Kontakt mit ihrem Therapeuten. In Akutphasen muss sie von Zeit zu Zeit neu eingestellt werden.

Gespräche sind wichtig, der offene Umgang mit der Krankheit. Außer ihren besten Freunden weiß im Fall des Falles kaum jemand, wie man damit umgehen kann. Die Öffentlichkeit schaut weg oder „glänzt“ durch herabwürdigende Bemerkungen ohne zu ahnen, dass die Person in dem Moment eigentlich Hilfe braucht.

(Foto: Eike Brünen)

J.spürt innerlich, wenn sich wieder so eine Phase aufbaut, hat dafür immer ein Röhrchen bei sich, an dem sie dann riechen kann und die Situation beruhigt sich wieder. In dem Röhrchen befindet sich Amoniak. Daran zu riechen sollte man eigentlich tunlichst vermeiden, bei Borderline-Patienten jedoch zieht der beißende Geruch „alle Aufmerksamkeit auf sich“, so dass sich die aufbauende Anspannung löst.

„Skill“ ist ein Begriff aus der Psychotherapie. Man versteht darunter die Fertigkeiten und Techniken, die der Patient erlernt, um in bestimmten Situationen besser mit diesen umgehen zu können.

Die aktuelle Situation mit dem coronabedingten Lockdown. J. fehlen derzeit die Kontakte, die sie nach dem Klinikaufenthalt vermehrt gesucht hat. Events, Feiern oder auch ein einfacher Café-Besuch. „Alleine zuhause auf dem Sofa, da kommt man ins Denken.“ Und die Gedanken, die sich da auftun, sind nicht immer die Besten. J. wünscht sich so sehr, dass die Pandemie bald ein Ende hat.

Borderline-Patienten können nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Sie müssen ihre Lebenssituation daran anpassen. In vielen Fällen würde schon helfen, wenn die Öffentlichkeit richtig reagiert.

4 Kommentare

  1. Sehr guter Bericht
    Wahrheitsgemäß formuliert.
    Kann ich nur bestätigen, als Mutter einer Borderline erkrankten Töchter.

  2. Ich vermisse etwas den konkreten Zusammenhang zwischen Artikel und Überschrift.
    Ohne Zweifel gibt es bei Borderline (u.a.) depressive Phasen, eine Depression ist allerdings – wie ich aus eigener Erfahrung erfahren musste – etwas ganz anderes.

  3. Es ist so traurig , dass diese Krankheit einen so beherrscht & man selber einfach machtlos ist!
    Und viele es nicht verstehen , dass jeder einzelne Tag ein Kampf ist.
    Toller Text 1 zu 1 erkenne ich mich wieder!

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