Arbeit ist mehr als Geldverdienen

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Rund 9.500 Menschen sind derzeit im Kreis Steinfurt ohne Beschäftigung. Unter ihnen auch viele, bei denen dieser Zustand nicht nur kurzfristig ist. Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, gilt als „langzeitarbeitslos“. Mit jedem Monat ohne Arbeit wird es schwerer für die Betroffenen, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Ihnen soll ein Gesetz mit dem sperrigen Namen „Teilhabechancengesetz“ den Wiedereinstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erleichtern, indem es Arbeitgebern durch finanzielle Unterstützung des Jobcenters einen Anreiz bietet, Langzeitarbeitslose einzustellen.

Auch in Ochtrup profitieren Männer und Frauen vom Teilhabechancengesetz. Fünf von ihnen arbeiten seit Anfang 2020 in den Caritaswerkstätten Langenhorst, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Ihre Aufgabe ist es, als Produktionshelfer Fahrzeugkomponenten für den europäischen und asiatischen Markt der Automobilindustrie zu produzieren.

„Wir standen Ende 2019 vor der Herausforderung, die stark erhöhte Nachfrage unseres Kunden zu bedienen“, erläutert Achim Koße, Technischer Leiter der Caritaswerkstätten Langenhorst. Die Kapazitäten der Werkstatt waren zu der Zeit bereits ausgeschöpft. Die Lösung: Einstellung von produktionsunterstützenden Mitarbeitern. Zu diesem Zeitpunkt war das Teilhabechancengesetz bereits in Kraft getreten.

Es umfasst vereinfacht gesagt zwei Förderinstrumente. Das erste richtet sich an Personen, die seit mindestens zwei Jahren arbeitslos sind. Ihre Arbeitgeber erhalten im ersten Jahr einen Lohnzuschuss von 75 Prozent, im zweiten von 50 Prozent. Das zweite Instrument ist für Menschen gedacht, die in den vergangenen sieben Jahren mindestens sechs Jahre finanzielle Hilfen vom Jobcenter bezogen haben. Ihr Lohn wird für zwei Jahre zu 100 Prozent bezuschusst. Die folgenden drei Jahre wird die Unterstützung um je zehn Prozent reduziert. Beide Programme sehen zudem eine Pauschale zu den Sozialversicherungsbeiträgen vor. Weiterbildungen werden mit bis zu 3000 Euro gefördert. Am Ende steht dann bestenfalls die Übernahme in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis.

Von der Theorie zurück in die Praxis. „Uns war schnell klar, dass ein solches Förderprogramm eine geeignete Lösung ist, um unseren Kapazitätsengpass zu bewältigen“, so Koße weiter. Daher nahmen die Caritaswerkstätten Kontakt zum jobcenter Kreis Steinfurt auf, mit dem die Zusammenarbeit seit Jahren reibungslos funktioniert. „Wir haben dann eine Auswahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten getroffen. Alles Menschen, die lange Jahre berufstätig waren, irgendwann aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Arbeit verloren haben und trotz umfassender Vermittlungsversuche nicht mehr Fuß fassen konnten“, so der Arbeitsvermittler im Jobcenter Martin Ransmann. Bereits im Februar konnte der erste Produktionshelfer seine Arbeit aufnehmen. Ihm folgten weitere vier Einstellungen.

Die Gruppe arbeitet am Standort PROTEC III und fertigt zusammen mit weiteren Beschäftigten der Werkstatt rund 30.000 Fahrzeugkomponenten pro Woche. Die Verantwortlichen sind mehr als zufrieden. „Wir hätten, ehrlich gesagt, nicht damit gerechnet, dass alles so gut funktioniert. Wir sind mehr als zufrieden mit den neuen Kollegen“, führt Koße aus. Sie brächten sich ein und ganz wichtig: Sie sehen auch, wo sie gebraucht werden. Während des Lockdowns haben sich beispielsweise alle Fünf auch in anderen Bereichen unterstützend eingebracht.

„Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben“, sagt einer der Teilnehmenden. „Es ist nicht leicht, über einen längeren Zeitraum ohne Arbeit zu sein. Besonders als Vater möchte ich auch Vorbild für meine Kinder sein.“ Er habe seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet, aber zwei Bandscheibenvorfälle warfen ihn einst aus der Spur, danach fand er nicht zurück. Bewerbungen blieben erfolglos. Sein Arbeitsvermittler im Jobcenter motivierte ihn nicht aufzugeben: „Sie schaffen das!“ „Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Teufelskreis. Einmal drin, ist es sehr schwer wieder rauszukommen“, ergänzt ein Kollege, der jahrelang auf dem Bau gearbeitet hatte bevor es gesundheitlich einfach nicht mehr ging. Die Arbeit in den Werkstätten, da waren sich alle neuen Mitarbeitenden einig, mache Freude. „Es ist einfach ein gutes Gefühl gebraucht zu werden, einen geregelten Tagesablauf zu haben und sich wieder wertgeschätzt zu fühlen“, bringt es eine Mitarbeiterin auf den Punkt. Auch die finanzielle Verbesserung lässt im privaten Bereich zum Beispiel kleinere Reisen oder die Erfüllung anderer Wünsche wieder zu. Wobei, da waren sich alle nach der langen Zeit der Arbeitslosigkeit einig, Arbeit sei viel mehr als nur Geldverdienen. Dennoch sei es natürlich schön, nicht länger auf Grundsicherungsleistungen angewiesen zu sein und eigenes Geld zu verdienen.

Bereits im ersten Jahr habe es erste Gespräche mit den neuen Kollegen gegeben, berichtet Koße. „Wir wollten wissen, was ihnen gefällt, wie sich selbst einschätzen und gleichzeitig rückmelden, welches Potenzial und individuelle Stärken wir sehen.“ Danach wussten beide Seiten, dass sie auf einem guten Weg seien, so Koße weiter. Die Chemie passt.

 

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