Stabilisierung des Arbeitsmarktes steht im Fokus des Konjunkturgespräches im Kreis Steinfurt

0
445

Der Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie hat bei Unternehmen, Betrieben, Selbstständigen, Existenzgründern und Beschäftigten vor allem in den Wochen von Mitte März bis Anfang April für Beratungsbedarf und Antragstellungen gesorgt. Seit Mitte April etwa haben die Anfragen nach staatlichen und anderen finanziellen Hilfen nachgelassen, berichteten im telefonischen Konjunkturgespräch mit Kreisdirektor Dr. Martin Sommer Vertreterinnen und Vertreter der Agentur für Arbeit Rheine, der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf, der Industrie und Handelskammer Nord Westfalen, der Volksbanken und Sparkassen im Kreis, der Wirtschaftsvereinigung Steinfurt des Jobcenters Kreis Steinfurt und der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Steinfurt (WESt), bewegen sich aber weiterhin auf hohem Niveau. Nun gehe es darum, den Arbeitsmarkt zu stabilisieren sowie Ausbildungen zu Ende zu bringen und neue beginnen zu lassen.

Sommer, der bis zum Dienstbeginn eines neuen Landrats die Kreisverwaltung leitet, gab eingangs einen kurzen Überblick über die positiven Entwicklungen der Corona-Neuinfektionen im Kreis Steinfurt und fasste dann die wirtschaftliche Situation kurz zusammen: „Die Lage bleibt sehr ernst. Die Arbeitslosenquote ist gestiegen. Manche Branchen hat es sehr hart getroffen.“ In diesem Zusammenhang schlug Sommer eine „Mutmacherkampagne“ vor, wie sie der Kreis nach der Finanzkrise 2008 angestoßen hatte. Alle Teilnehmenden begrüßten diese Idee.

Von 4 Prozent im März sei die Arbeitslosenquote auf 4,5 Prozent im April gestiegen, berichtete Reiner Zwilling, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Rheine. Unterbeschäftigungen und Kurzarbeit werden dabei jedoch nicht gleichermaßen verdeutlicht; aktuelle Verwerfungen werden so noch nicht umfassend abgebildet. Der Arbeitsmarkt sei gebeutelt, werde durch Kurzarbeitergeld aber stabilisiert: „In den ersten Wochen bis Mitte April haben rund 3.600 Unternehmen Kurzarbeit angezeigt, wovon bis zu 60.000 Beschäftigte unmittelbar betroffen sind. Gleichwohl ist dies eine besondere und passende Vorgehensweise, um Arbeitsplätze zu sichern und drohende Arbeitslosigkeit zu verhindern.“ Große Fragezeichen habe die Agentur für Arbeit aktuell hinsichtlich des Ausbildungsmarktes. „Es ist noch eine große Baustelle, künftige Auszubildende und Ausbildungsbetriebe zusammenzubringen. Schulen, Schulträger und Schulverwaltungen stehen vor großen Herausforderungen Unterrichte bis zu den nahen Sommerferien zu organisieren und dabei gleichzeitig junge Menschen auch zu ermutigen, sich mit ihrer eigenen Berufswahl zielgerichtet zu befassen. Die Berufsberatung hilft hier gerne und weiterhin im Verbund mit Netzwerkpartnern und nutzt dabei auch neue, unkonventionelle Wege. Denn: persönliche Beratungen, Sprechstunden vor Ort oder Ausbildungsmessen und andere bislang bewährte Formate finden zurzeit nicht statt und sind auch wegen eines einzuhaltenden Gesundheitsschutzes nicht absehbar.“

„Auch im jobcenter Kreis Steinfurt gab es bis Mitte April signifikante Zuwächse hinsichtlich der Leistungsgewährung“, fasste Vorstand Thomas Robert die anfängliche Situation zusammen. „Eine Prognose ist sehr schwierig. Die weitere Entwicklung des Kreises der Leistungsempfänger hängt von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ab. Aktuell haben wir unsere Beratungs- und Vermittlungsaktivitäten wieder aufgenommen und versuchen, die Menschen in Arbeit zu bringen.“

Wie die Agentur für Arbeit machen sich auch die IHK Nord Westfalen und die Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf Gedanken um den Ausbildungsmarkt bzw. die Auszubildenden, allerdings unter einem anderen Aspekt: „Wir setzen alles daran, alle Prüfungen bis zum 31. Juli durchzuführen, damit wir zum 1. August wieder freie Ausbildungsplätze schaffen“, betonte der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Steinfurt-Warendorf Frank Tischner. Ähnlich plane auch die IHK, informierte Jutta Gogräfe die Runde: „Alle Abschlussprüfungen sind in den Sommer verschoben.“ Darüber hinaus erläuterte die Referentin für Wirtschaftsanalysen und Statistik ein paar Ergebnisse einer selbst durchgeführten Unternehmensabfrage: „Die Unternehmen gehen von einem länger anhaltenden Tief aus, weil die Nachfrage in weiten Teilen stark ausbleibt.“ Besonders betroffen seien die Reise- und Tourismusbranche. Hier wirke sich die wirtschaftliche Lage existenzbedrohend aus.

„Aktuell schwer haben es die Betriebe, die vorher schon angeschlagen waren“, meint Carl-Christian Kamp, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Steinfurt. Es habe viele Beratungen wegen Corona gegeben, aber gar nicht so viele Anfragen nach finanziellen Hilfen: „Größere Betriebe fragten an und wägten ab, welche Möglichkeiten es gibt. Überwiegend waren es Kleinstunternehmen, die finanzielle Unterstützung brauchten.“ Diese Erfahrungen habe auch Dietmar Dertwinkel, Vorstandsmitglied der Volksbank Greven gemacht: „Die meisten größeren Unternehmen haben Liquiditätspläne mit ihren Steuerberatern aufgestellt und gesehen, dass sie derzeit noch keine Hilfe benötigen. Für Existenzgründer der letzten Jahre wird es eher schwer, da viele sich noch in der Aufbauphase befinden. Hier könnte es vermehrt zu Geschäftsaufgaben kommen.“ Eine Welle von Gesprächen bis Mitte April bestätigen auch die weiteren vier Vertreter der Stadtsparkasse Lengerich, der Verbundsparkasse Emsdetten-Ochtrup, der Volksbank Ochtrup/Laer und der VR Bank Kreis Steinfurt. Sie sprachen unter anderem über Ratenreduzierungen oder Tilgungsaussetzungen, die mit Kunden vereinbart worden seien. Einhellige Meinung der Kreditinstitute war, dass die Digitalisierung in diesen Wochen sehr wertvoll gewesen sei. Die digitalen Kommunikationswege seien intensiv genutzt worden und eine echte Chance für die Zukunft – auch für den Handel. Ebenfalls erwarten allesamt eine zweite Beratungswelle.

„Die mittelständischen Betriebe im Kreis Steinfurt glauben an ihre eigene Kraft und wollen nach der coronabedingten Schockstarre die wirtschaftliche Entwicklung aktiv mitgestalten. Sie wollen die Situation selbst in die Hand nehmen“, schilderte Heiner Hoffschroer, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Steinfurt e. V. Rückmeldungen der Unternehmen und kannte auch ihren Antrieb dafür: „Sie haben erkannt, dass die Vernetzung untereinander sehr wertvoll ist.“ Hoffnung, dass die Unternehmen im Kreis einigermaßen gut durch die Corona-Krise kommen, hat auch die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Steinfurt (WESt) Birgit Neyer: „Die Mittelständler haben schnell und flexibel reagiert – online wie auch in der Produktion. Die Flexibilität wird beispielsweise dadurch deutlich, wie viele in kurzer Zeit auf die Produktion von Masken umgestellt haben. Wenn diese Krise etwas Gutes hat, dann den Schub für die Digitalisierung.“ Neyer wies außerdem auf die neue Jobplattform hin, die beim Konjunkturgespräch im April angekündigt und nun umgesetzt worden sei. Unter www.jobinst.de können Arbeitgeber Angebote einstellen und von Kurzarbeit Betroffene suchen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein