Kai Echelmeyer berichtet von den Einsätzen der Sea-Eye-Mission

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(Foto: Katarzyna Gmitrzak)

Am 6. April konnten wir nach fünf langen Wochen Einsatz insgesamt 106 Menschen vor dem Ertrinken und vor den libyschen Lagern retten. 5 Tage lang mussten wir warten bevor wir die Geretteten in Augusta auf Sizilien auf festen und sicheren Boden bringen. Ein weiterer langer und unrühmlicher Standoff fand somit erst nach langem Warten ein Ende.

Anfang März begann unsere Mission in Burriana, Spanien. Als Einsatzleitung war es für mich eine neue Rolle bei meinem dritten Einsatz für Sea-Eye.

Die folgenden Tage nutzten wir vor allem für erste Trainings mit der gesamten Crew und für letzte, kleiner Arbeiten am Schiff und machten uns mit dem Alltag an Bord vertraut. Außerdem führten wir zahlreiche Trainings durch, um uns auf die verschiedenen Szenarien vorzubereiten, die uns erwarten konnten.

Die Crew der ALAN KURDI bestand aus 10 professionellen Seeleuten und 15 Freiwilligen aus Deutschland, Ghana, Frankreich, Kroatien, England, Ukraine und Spanien.

Am 13. März konnten wir dann mit einiger Verspätung aber sehr gut vorbereitet unsere Mission beginnen. Der Weg ins Einsatzgebiet war dann aber mehr als beschwerlich, da das Wetter gegen uns spielte und wir über 7 Tage Wellen von 4 – 6 Metern Höhe gegen uns hatten. So wurden viele Crew-Mitglieder seekrank und die nächste anstrengende Etappe begann.

Am 21. März erreichten wir dann zunächst die Maltesische und gegen Abend die libysche Such- und Rettungszone, wo wir scharf Ausschau hielten. Nachdem wir eine Woche lang im Einsatzgebiet waren und keinen Notruf bekamen, überschlugen sich dann ab dem 28. März die Ereignisse.

Wir bekamen einen Notruf von einem Boot, das allerdings 2 Tage von uns entfernt waren. Die 32 Menschen aus Bangladesch, die seit mehr als 3 Tagen auf einem überfüllten Boot unterwegs waren, wurden bei 4m Welle von einem Containerschiff gerettet. Da dieses Schiff nicht für die Versorgung der Menschen vorbereitet war, riefen sie die SEA-EYE 4 um Hilfe. Wir übernahmen am 29. März die Menschen auf unser Schiff, um sie – auch medizinisch – zu versorgen.
Am 30. März bekamen wir dann noch einen Notruf und konnten nach kurzer Suche 74 Menschen aus einem überfüllten Schlauchboot retten und auf der SEA-EYE 4 in Sicherheit bringen.
Am kommenden Tag bekamen wir 2 weitere Notrufe – allerdings mit ernüchterndem Ausgang. Das eine Boot, von dem wir eine Position in der Nähe der libyschen Küste hatten, wurde von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen. 11 Menschen (7 Frauen, 4 Kinder) starben dabei. Von dem zweiten Boot fehlte uns jegliche Position/Spur. Ein paar Tage später hörten wir, dass nur 4 von über 90 Menschen überlebten.

Nachdem wir keine weiteren Notrufe hatten, machten wir uns dann auf den Weg in Richtung Norden und steuerten den nächsten, sicheren Ort, Malta, an. In den nächsten Tagen wollte kein europäisches Land die Koordinierung übernehmen. So fuhren wir weiter Richtung Sizilien, wo uns aber auch klar gemacht wurde, dass sie unsere Gäste nicht empfangen wollten.

Insbesondere unseren Gästen, die die schwierige Situation auf unserem Schiff geduldig und freundlich aushielten, ist es zu verdanken, dass diese Episode ein gutes Ende nahm.

Außerdem trug der starke Zusammenhalt der Crew, die ein gut funktionierendes Team bildete, stark dazu bei.

Auch wenn die Mission eine sehr anstrengende Zeit war, war sie doch auch sehr bereichernd. Die 106 Menschen, die wir retten und denen wir Hoffnung schenken konnten, sind eben nicht nur Opfer von Gewalt und Folter, worauf sie in Europa häufig reduziert werden, sondern sind eben Menschen wie du und ich – voller Träume und Lebensfreude. Mit ihnen zu reden, Schach zu spielen oder über Musik zu reden, hat mir noch einmal gezeigt, was der Kern unserer Arbeit ist und was auch die EU endlich verstehen sollte – jeder Mensch ist gleich, jeder Mensch ist wichtig und kein Mensch ist egal – unabhängig davon wo er oder sie geboren ist.

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